Was ist denn da in der Luft?

Hier kommt ein neuer Einsatzstellenbericht von Caro aus Dresden, die ihr Freiwilliges Jahr beim ERGO Umweltinstitut GmbH verbringt:

Warum ich mich für ein FÖJ entschieden habe, nimmt sich kaum etwas von den Einleitungen der vorherigen Einsatzstellenbeschreiber: Der Geist war schwach (vom Abi) und die Zeit, sich Gedanken um die richtige, lebenswegweisende Entscheidung zu machen, knapp. Also erst mal ein Jahr dran hängen, ein Jahr Urlaub fürs Gehirn, frische Luft und endlich mal wirklich nützlich sein können. Das war‘s Ziel – und die ERGO Umweltinstitut GmbH die einzig freie Stelle auf meiner Wunschliste für das FÖJ in Sachsen.
Das Institut setzt sich aus vier Abteilungen zusammen. Da wäre zum einen die Abteilung Naturschutz. Dann das Labor, welches ein breites Spektrum von Analysen organischer und anorganischer Proben der eigenen Firma und natürlich Fremdfirmen anbietet. Anschließend die Altlasten, die viel mit Bodenproben und den „gröberen, schmutzigeren Arbeiten“ zu tun haben. Und zu guter Letzt die Abteilung der Luftreinhaltung (meine Einsatzstelle), die sich ganz der Arbeit mit gas- und partikelförmigen Emissionen und Immissionen verschrieben hat. In den letzten drei Abteilungen wird auch jeweils eine FÖJ-Stelle angeboten, die dieses Jahr jedoch nur in Labor und Luftreinhaltung vergeben wurden.3
Und wenn man sich für ein FÖJ entscheidet, dann will man ja auch was mit Natur zu tun haben. Doch was hat dieses augenscheinlich stark mit Naturschutz in Verbindung stehende Umweltinstitut nun eigentlich mit RICHTIGER Natur zu tun?
Eigentlich nicht viel. Es handelt sich hierbei um eine Einsatzstelle, die dem technischen Umweltschutz bei der LANU zugeschrieben wurde und sich selbst auch eher als Bestandteil der mittelständigen Wirtschaftsunternehmen zurechnet, als irgendwelchen Umweltschutzprogrammen. So ganz ist der Umweltschutz zwar nicht von der Hand zu weisen, jedoch (und das sage ich mit besonderem Augenmerk auf die Luftreinhaltung) sind wir eher der passive, rückläufig kontrollierende Bestandteil in der Umweltschutzkette, der immer mal guckt, dass auch alle Spielregeln noch eingehalten werden.
Was einige Öko-Hippies und Naturfreaks gleich wieder von dieser Einsatzstelle hätte abrücken lassen, kam mir erst mal ganz gelegen: Über die Wintermonate werde ich mich hier nicht langweilen. Die Arbeit bei ERGO in der Luftreinhaltung ist sehr abwechslungsreich, da man als Hilfskraft sowie den Innendienst als auch die Mitwirkung bei Messungen abdeckt.
Innendienst ist nichts weiter als Büroarbeit (Messberichte kopieren/binden, Archiv, Akten), Messvorbereitung (Geräte und Chemikalien für die Messung bereitstellen) und Messnachbereitung (ALLE jemals in der Messung benutzte Geräte säubern, ordentlich ins Lager zurückführen etc.). Wenn man schon über einen Führerschein verfügt (was sehr erwünscht ist), ist es möglich, immer mal in Dresden und auch außerhalb mit den Dienstwagen sog. „Dienstfahrten“ zu erledigen. Dienstfahrten sind schon etwas Besonderes, denn man kann einfach dem Trott im Innendienst entfliehen, seine topografischen Kenntnisse von Sachsen, Thüringen oder Brandenburg auffrischen und man hat endlich mal seine Ruhe. Denn auf eine ruhige Arbeitszeit kann man in dieser Einsatzstelle nur zu Feiertagen, wenn alle zuhause sind, hoffen. Ständig wuselt, schiebt und räumt jemand irgendetwas irgendwo rum, hier telefoniert jemand mit Anlagenbetreibern, alle tippen fleißig – aber nicht unbedingt stumm – ihre Messberichte in die Computer und in der Abteilungsleitung werden lautstark ineffiziente Vorgehensweisen diskutiert.
Da kann man sich glücklich schätzen, mit dem Auto unterwegs oder auf Messung zu sein. Denn dort ist quasi das Gegenteil der Fall.
Und wer nicht weiß, was eine „Messung“ sein soll, kann sich ja folgendes bildlich vorstellen: Jeder von uns ist schon einmal an einem Industriepark mit hohen Schornsteinen vorbeigefahren, aus denen große weiße Wolken aufstiegen.
So, und das ERGO-Umweltinstitut, beschäftigt sich genauer damit, was die Betreiber dieser Anlagen dort in die Luft pusten. Die Abteilung der Luftreinhaltung ist hauptsächlich mit Emissionsmessungen an genau solchen Industrieparks, mal groß, mal klein, beschäftigt.
Da die Betreiber von Emissionsanlagen, genauso wie Autofahrer in Umweltzonen von Städten, gesetzlich dazu verpflichtet sind, bestimmte Grenzwerte der Stoffe in ihren Abgasen einzuhalten, müssen sie in bestimmten Zyklen eine sog. Messfirma, also die Abteilung Luftreinhaltung von ERGO, kommen und deren Werte überprüfen lassen. Ingenieure, Techniker und Hilfskräfte (Studenten+FÖJ) stellen mit jeweils geeigneter Messtechnik bis auf Mikrogramm genau die Konzentrationen von Stoffen, die in Verbindung mit Wasser keine gesundheitsfördernden Verbindungen eingehen oder von vornherein als giftig bzw. umweltverunreinigend eingestuft werden, in den zu bewertenden Emissionen fest. Je nach Ergebnis muss der Kunde reagieren.
Kunden des Instituts, also Betriebe die durch uns „bemessen“ werden, sind sehr vielschichtig. Es zählen BHKWs (Stadtwerke, Krankenhäuser,…), alle möglichen Verbrennungsanlagen (Tierkörperbeseitigung, Krematorien, …), Deponien und auch Produktionsbetriebe (Lebens- und Genussmittel, Technologie, Metallbau, Raffinerien etc.) dazu.
Durch zusätzlich gelegentlich anfallende olfaktometrische Messungen, also sog. Geruchsmessungen, erweitert sich das Spektrum der bemessenen Betriebe erheblich. Viele Firmen arbeiten mit oder erzeugen geruchsintensive Produkte bzw. Dämpfe, die über Absaugungen und Kanäle aus dem Betrieb geschleust werden und so die Umgebung mit ihren Anwohnern belästigen. Durch Katalyse und Verdünnung dieser Dämpfe kann auch eine Minderung des Geruchs erzielt werden und um diese Verdünnungsstufen zu erfassen, müssen eben jene olfaktometrischen Messungen stattfinden. Dazu sitzen vier eignungsgeprüfte Probanden mit durchschnittlichem Riechvermögen vor einem Olfaktometer (siehe Bild) und „verriechen“ Geruchsproben. 1Was einem da unter die Nase kommt, reicht von Schweinemast, Biofiltern oder Tabakfabriken bis hin zu Autoreifenherstellern.
Und genau diese Abwechslung, die bei ERGO den Alltag bestimmt, ist es, was mich an der Einsatzstelle begeistert. Wer kann schon behaupten, dass er auch nur in einem der oben genannten Betriebe hinter die Kulissen – und damit auch in die „ungeschminkten“ Bereiche – gucken konnte? Dass man genau weiß, wie viel Wasserstoffperoxid bei der Erfassung von Schwefel in Emissionen notwendig ist? Oder dass man vor lauter Aufgaben und Hin- und Herrennerei im Innendienst fast der Verzweiflung nahe steht – eine Woche später auf Messung sich aber unsicher ist, wie viele Bücher man zum Lesen mit einpacken soll?
Am Ende des Jahres kann man auf jeden Fall auf viele Erfahrungen und besondere Erlebnisse zurückblicken, die es sich lohnen, das FÖJ gemacht zu haben. Denn nur dadurch bekommt man nach 12 Jahren Schule mit, was es heißt, sich ein Jahr lang für etwas, das einen wirklich interessiert, zu engagieren, seine Kräfte sinnvoll einzusetzen und ein Teil von einem Team zu sein, das durch die eigene Unterstützung noch bessere Arbeit abliefern kann.

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Beispiel für Emissionen (PCK Schwedt) ; Bildquelle: http://www.fotos-aus-der-luft.de/luftbild/24816-3/PCK_Raffinerie_09

 

 

 

 

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