„Fair“ ist nicht immer fair

Der Faire Handel besteht nun schon seit mehr als 40 Jahren in ganz unterschiedlicher Form. Am Anfang waren es Aktionen und Kampagnen, wie „Jute statt Plastik“ in den 70er Jahren oder der Nicaragua-Kaffee im Laufe der 80er Jahre. Es gründeten sich die ersten sogenannten Dritte Welt Läden, Eine Welt Läden oder einfach Weltläden. Aktuell lassen sich 800 davon und 3.000 Aktionsgruppen in Deutschland zählen. Auch Produkte mit einem Fair Trade Siegel sind mittlerweile in jedem Supermarkt zu finden.  Von 2005 bis 2014 hat sich der Gesamtumsatz des Fairen Handels in Deutschland nahezu verzehnfacht. Ein Grund dafür ist die Imagepflege der Unternehmen. Große Konzerne schmücken sich mit dem Siegel von Transfair. Auch wenn fairer Handel im Mainstream angekommen ist, muss er viel Kritik einstecken – und das zu Recht. serveimage

Zwar rühmt man sich mit einer Verbesserung der Lebens und der Arbeitsbedingungen im globalen Süden, dennoch wird eine Missachtung der ArbeitnehmerInnenrechte im Norden ermöglicht bzw. zugelassen. Beispiele dafür sind die Konzerne Lidl und Starbucks. Bei Starbucks wird schon seit über 10 Jahren Kaffee mit Transfair-Siegel ausgeschenkt und dennoch kündigte der Konzern mehreren MitarbeiterInnen in den USA, als diese sich gewerkschaftlich organisieren wollten. Bei Lidl wurden Betriebsratsgründungen verhindert und schlechte Arbeitsbedingungen stehen schon seit Jahren in der Kritik. Dennoch konnte sich der Konzern das Transfair-Siegel für einige Produkte einkaufen. Der Faire Handel macht sich dadurch immer unglaubwürdiger. Er verspricht, dass eine bessere und gerechtere Welt käuflich wäre und versucht sich im Kapitalismus lediglich zu integrieren. EL PUENTE, GEPA und andere Händler aus der Weltladenbewegung bleiben dem Transfair-Siegel deshalb fern und setzen auf eines neues Label der „World Fair Trade Organization“ und damit auf partnerschaftlichen Handel. Einerseits reichen ihnen die Standards von Transfair nicht mehr aus und andererseits wollen sie davon wegkommen, dass der Faire Handel nur ein Marketingkonstrukt von Konzernen ist.

Der Faire Handel startete einst mit dem Ziel einen gerechten Welthandel zu schaffen, doch jetzt wird er immer mehr ein Zahnrad im Getriebe des globalen Kapitalismus. Auch wenn das Zahnrad vielleicht schöner aussieht als die anderen. Der Faire Handel kann zwar Verbesserungen für Einzelne herbeiführen, aber nicht für alle. Deshalb braucht es einen tieferen Einblick in die Materie des globalen Handels und die Erkenntnis, dass der Kapitalismus als System schlichtweg immer für Ungleichheit und Ungerechtigkeit sorgen wird. Die Ideologie des Marktradikalismus und Neoliberalismus, die zum Kapitalismus gehört, muss daher überwunden werden und die Argumente dafür liegen ja vielfach auf der Hand, wenn man sich mit Kinderarbeit, Hungerlöhnen und Co auseinandersetzt. Der Faire Handel und die Bewegung um ihn, die sich mit diesen Themen beschäftigen, müssen daher selbstkritisch und aufklärerisch agieren. Und genau bei der Aufklärung zu den jeweiligen Produkten und Standards liegt die Stärke der Weltladenbewegung, die sich auch weiterhin leidenschaftlich mit dem Thema Fairer Handel verbunden fühlt und ihn dafür nutzt, kritisches Nachdenken bei den KonsumentInnen anzuregen. Aufklärung kann in keinem Supermarkt oder Discounter geleistet werden.

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